Wo bin ich, wenn ich schreibe …

Die an mich herangetragene Frage „wo bist du wenn du schreibst?“ hat einen tiefen längeren Prozess der Klärung in Bewegung gebracht. Ich schreibe durchgehend jeden Tag seit ich diese Kulturtechnik gelernt habe. Überall wo sich mein Körper gerade befindet, im Bett, am Klo, am Straßenrand, am Schreibtisch, neben der Donau sitzend, im Zug, am Friedhof … der äußere Ort ist beliebig. Ohne Zettel und Stift gehe ich nirgendwo hin. Im Schreiben entsteht ein innerer Raum in dem ich ganz bei mir bin und mich radikal authentisch ausdrücke.

Seit meinem achten Lebensjahr wird trotz der Legasthenie Seite um Seite gefüllt mit allem Möglichen und Unmöglichen. Das Tagebuch war viele Jahre lang der einzige sichere Ausdrucksort. Umgeben von einem menschlichen Minenfeld wo ständiges Aufpassen nötig war und jedes Wort letztlich früher oder später gegen mich verwendet wurde, war Schreiben die Rettung in Form eines geduldigen, verständnisvollen Gegenübers. Für Zettel und Stift war ich, im Gegensatz zum Außen, okay wie ich war. Menschen haben mir schon immer viel anvertraut und gleichzeitig deutlich gemacht, dass das Anvertraute nicht weitergegeben werden soll.

Das Tagebuch als Überlebensquelle, um all die äußeren Eindrücke zurückzufahren und mit mir selbst zu sein. Da ströme ich aus dem Nichts zusammen, alles wird langsam und es findet sich ein Tempo, das mir entspricht. Wo sonst alle Sinne nach außen streben (müssen?), darf ich hier schutzlos in mir sein. Ich komme zu mir und werde innerlich klarer. Ich erfasse, halte, verstehe und überschreite mich, wenn ich schreibe. Ein innerer Dialog entwickelt sich. Berührbar von allem öffnen sich die Dimensionen. Egal was passiert ich bin da. Schutzlos den Einfällen die Ehre geben ist ein Genuss. Alle Anteile von Licht- und Schattenreichen Dämonen, Engel, Schlangen, Götter überkommen, ergreifen und überfallen mich. Auf einem weißen Blatt wickeln sich Licht und Dunkelheit ein. Irgendetwas schreibt mich. Radikal ehrlich ausdrückend erschaudern bis ergeilen sich in der Langsamkeit des Schreibens alle Sinne am Prozess. Es ist ein Erfassen all dessen was sich zeigt. Da sein dürfen ohne Fragen und Antworten empfangen. Ich wandle mich, wenn ich schreibe. Es ist auch ein mich herausschreiben aus den zugeschriebenen Geschichten. Im Schreiben kann ich meine Identitäten und alle Machtstrukturen hinter mir lassend verlassen. Mein ängstliches Selbst fällt weg und ich darf alles und nichts sein. Auch alles was ich nicht bin und gerne wäre. Es erschließen sich Räume die noch nicht zugänglich waren. Das ganz Andere und doch auch eigene teilt sich mit. Grenzenlos wortreich bin ich da. Einfach da sein und Raum halten für den Schreibprozess. Alles ausblendend was sonst um mich scheinbar real ist. Ganz in mir im Zentrum des inneren Seins schreibe ich. Da kann ich mich auch in allem Ungewohnten und Unbehaglichen spürend einlassen. Vielleicht bin ich einfach still, wenn ich schreibe. Identitätslos werden die auftauchenden Phänomene wahrgenommen. Ich verabschiede mich und bin dennoch da, um der Wahrhaftigkeit die Ehre zu geben. Nichts findet in allem seinen Ausdruck.

Warum ich dann ausgerechnet Mathematik studiert habe? Keine Ahnung! Es war vielleicht eine sinnentleerte Trotzreaktion etwas zu machen, was meine beiden Germanisteneltern mir nicht zutrauten. Hier war ein Bereich wo sie mir nicht drein reden konnten, weil sie es nicht verstanden. Dieses Vermeiden von Kritik und mich verstecken vor dem Schmerz des Abgelehnt Werdens hat mich weit von mir entfremdet. Und ich büße für diesen Fehler seither mit zunehmender Qual, die eine innere Träumerei vom Schreiben zu leben als illusionäres Luftschloss offenbart. So lasse ich mich schreibend träumen, um Bekenntnis abzulegen wie es mir geht und was sich in und durch mich bewegt. Dieser Blog erfüllt einen Kindheitstraum und macht mich sichtbar. Hier kann ich meine Wahrnehmungen ganz wahrhaftig spürend, fühlend und sinnend ausdrücken in radikalen, unzensurierten Worten. Hier bekomme ich ein ja von mir.

Das Schreiben erfüllt mich mit großer Dankbarkeit! Wenn es dann auch noch gelesen wird und mich greif- und nahbarer macht, falle ich in die Glückseligkeit.

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