Der Versuch des Ausstiegs aus dem Leiden in die Leere des Seins

An dieser Stelle möchte ich die innere Not teilen, die tief in mir spürbar ist, wenn die Abwehrprogramme des Egos beginnen, nicht mehr zu greifen. Seit die Haltung zu meinen Gefühlen immer bewusster wird, bedingt durch die Entscheidung „es ist 100% in Ordnung was ich fühle“, kommt viel in Bewegung. So bildet sich eine Bindung an mich aus. Ich will unbedingt aufrichtig sein mir gegenüber. Und damit nehme ich Gefühle wahr, gebe ihnen Raum und entwickle eine bejahende Beziehung zu den Gefühlen. Die Haltung zu den Gefühlen spiegelt die Haltung zum Selbst. Wenn ich meine Gefühle annehme, brauche ich mich nicht zu ändern, sondern kann mit mir sein so wie ich bin. Alles von mir die grenzenlose Traurigkeit, die Scham und auch der Selbstekel dürfen sein.

Ich erkenne mein Ego mich regulierend und selbstoptimierend an diverse Programmen die ablaufen. Der Egoschmerz – der größte Schmerz der Menschheit – die Trennung von vom wahren Selbst, von den Menschen, von den anderen Wesen, von Gott, sprich von der Schöpfung zeigt sich in endloser Traurigkeit über mein Sosein. Der Schmerz ist die erste Schicht, die mich zu mir führt. Widerstand gegen Schmerz und Leid sind in Wahrheit Widerstand gegen mich selbst. Es tut sehr weh ich selbst zu sein, mich wahrzunehmen und zu fühlen. Ich tue mir selber weh. Absolute Not und Bedürftigkeit zerbricht mich. Da ist viel Schmerz und ich halte ihn aufrecht und leide. Ich zerbreche ganz am unendlichen Schmerz, der nicht weggeht. Ich habe keine Ahnung was mit mir los ist. Ich leide wie ein Schwein und fühle mich als gescheiterte Existenz. Die Illusionen zerfließen, keine Aussicht auf Besserung, jede Hoffnung auf eine Zukunft ist tot, ich bin einfach nur endlos, bodenlos traurig und allein. Nichts Reales im hier und jetzt fehlt, ich bin mir hilflos ausgeliefert. So ist das Sein in der Ohnmacht eine tiefe Bedürftigkeit und scheinbar untragbarer Not.

Ich kann mich nicht in mir und mit anderen dauerhaft sicher erfahren. Sicherheit ist immer nur relativ. Sie muss immer wieder neu errungen werden. Ich möchte sein dürfen mit all meiner Kleinheit auch wenn sich keine wahre Größe entfaltet. Ich bekenne es nicht geschafft zu haben alleine klarzukommen. Seit ich denken kann habe ich alles versucht mich (aus) zu halten. Es geht nicht, ich kann alleine nicht sein, keine Freude generieren. Das Verstecken und Vermeiden ist die Depression. Ich bin oft zu müde, um in Beziehung zu treten. Wie bekomme ich Lust darauf mit anderen zu sein und Energie dafür Gemeinschaft als nährend zu erfahren? Wem darf ich meinen ganzen Schmerz zeigen und geben? Warum geschieht immer wieder Identifikation mit dem Leid in mir und in der Welt? Was sind die Wurzeln des Leidens?

Fragen über Fragen und dann eine zentrale aus dem Mund meines spirituellen Lehrers Christian Meyer zur Selbsterforschung: Was gibt es mir mich als die Leidende wahrzunehmen? Was gibt es mir die Leidende zu sein? Was gibt es mir das Augenmerk auf Leid zu richten?

Leid und Leiden sind mir vertraut, hier bin ich zu Hause, empfinde eine Vertrautheit. Vielleicht ist es einfach eine Gewohnheit in der sich mein Leben eingerichtet hat. Echtes Leid habe ich viel erlebt und erfahren, echte Freude nur ganz selten (innen wie außen). Dafür unzählige Mal als täuschende Maske im Sinne von „gute Miene zum bösen Spiel machen“. Das macht mich wütend, da fühle ich schmerzhaft den Verrat an der Wahrhaftigkeit. Am schlimmsten ist es, wenn ich so bin, nur um zu funktionieren in der Welt der Menschen und nicht aufzufallen mit meiner inneren Not. Die Selbstverleugnung immer weniger zu leben bekommt die Energie aus dem Leiden darunter. Der radikal ehrliche Weg des tiefen sich einander Zumutens bedeutet mir viel und schöpft den Mut aus dem Schmerz des Vermeidens und Versteckens in all den Jahren davor.

Ich lerne durch den Schmerz. Leid nehmen und erfahren macht(e) mich bewusster. Wenn alles Leiden weg wäre was motiviert mich dann? Der Schmerz baut mich um, schiebt mich durchs Leben, verbindet mich mit mir und erlaubt mir zu fühlen was ungefühlt in den eigenen Tiefen wartet. Schmerzen und Leid haben mich aufgebrochen, weicher, zugänglicher und liebevoller gemacht. Den Schmerz in der wahrhaftigen Selbsterfahrung zu erleben und das Unterdrücken/Wegschauen überwunden zu haben ist eine unglaubliche Erleichterung.

Wahrheit erleben und sichtbar machen erfüllt mich zutiefst. Ich bin in tiefer Berührung mit mir. Ich fühle mein Herz und erfülle mich in dem berührt sein. Schmerz inklusive Leiden und Liebe sind eine stark aneinander gebundene Geschichte, die ich mir immer wieder inszeniere. Die Sehnsucht nach Liebe ist groß und mächtig, manchmal alles bestimmend. Ein Sog der mich zieht, stärker als alles andere mitten hinein in die Liebe und das Lieben. Ich vermische, verdrehe und verwechsle Liebe mit Leiden.

Und dann in einer verbundenen Atemübung brach die Frage herein „was wenn auch die Liebe, sowohl die menschliche als auch die unendliche, nur eine Illusion sind?“. Eine Erfahrung die kommt und geht, wie das Leben. Was wenn die Liebe wie das Leben nur sich selbst gehört und ich verbrauche mich in etwas Illusionären? Sehne, ziehe, quäle ich mich in einer Liebesillusion? Verbunden sein und Lieben wollen erzeugt inneren Druck und der Schmerz im immer wieder daran scheitern lässt mich lebendig fühlen. Der Schmerz hat etwas mit Leben zu tun. Die Leere ist die einzig bleibende Erfahrung. Die Leere des Seins hat keine Qualität sie ist auch nicht liebevoll oder lieblos. Das Ganze verwirrt mich.

Das Einssein auf seelischer Ebene erfahren dürfen ist ein Segen und gleichzeitig ist ein Wollen in mir zu erfahren, dass wir nicht „nur“ eine Seele, sondern auch ein Gefäß, ein Körper, ein Wesen sind. Einssein auch in der Gemeinschaft erfahren in der ich hier sein darf, wie ich bin – auch und gerade mit all der Not. Leiden schenkt mir auch tief verbundene Momente mit Menschen, sprich es eröffnet vertrauensvollen Kontakt. Im gemeinsamen Leiden Halt zu geben und im eigenen Leid gehalten zu werden ist so heilsam. Ich fühle mich unmittelbar davon betroffen. Ganz direkt. Ich brauche Gemeinschaft und kann nicht vollständig darin sein. Die tiefe Not der Isolation im Menschsein quält mich und ist noch nicht vollständig gefühlt und erfahren worden. Mich wieder ganz einem oder mehreren Menschen komplett auszuliefern und hinzugeben habe ich seit meiner Kindheit nicht mehr gewagt. Es fühlt sich in mir immer wieder so an nicht dazu zugehören und nicht gesehen zu werden. Dann kommt dieses Gefühl von trotzig verzweifelten „dann gehe ich doch alleine weiter“. Das Autonomiestreben und auch dieses verzweifelte „wie geht das einen Platz finden in dieser Ordnung auf Erden in der Gemeinschaft?“. Da ist viel Sehnsucht nach einer Gruppe von Gleichgesinnten in der wir einfach sein können und es nicht um Nützlichkeit geht, sondern um eine Kultur der Heilung mit ehrlicher, klarer Sicht.

Gott, das Größere, die Stille wirken im Leid in größerem Ausmaß in mir. Ich erfahre Gott im mich dem Leid hingeben in mir wirksam, klärend, tragend, transformierend. Wo ich am schwächsten und hilflosesten war hatte ich die größten Gotteserfahrungen in meinem Leben. Da war ich völlig ausgelöscht und nur mehr Gnade und Liebe am Wirken. Gott spricht durch den Schmerz und nimmt sich Raum für meine Transformation. Das Licht Gottes scheint dann durch meine Augen. Da ist ein Glauben daran über den Schmerz Gottes Größe zu erfahren. Jesus ist mir unglaublich nahe und immer ein großes Vorbild gewesen. Sein Weg des sich Hingebens bis in den Tod und dann zu Gott auferstehen war meine liebste Heldengeschichte. Der Schmerz und das Leiden weisen mich auf die offenen Kindheitsthemen hin das bodenlose Loch des Fehlenden. Ich trage meine Sehnsucht nach anlehnen können, vertrauen dürfen, wahrhaftig gesehen werden und nach jemanden der an mir Anteil nimmt herum. Ich kann das darunter leiden nicht beenden. Und das tut richtig weh. Die Traurigkeit lebt mich. Es wirkt so als wäre die Bedeutung meiner Existenz an das Leiden gebunden. Der Ausstieg aus dem Leiden in die Leere des Seins scheint mir fern. Ich darf glücklich sein nur kann ich es nicht. Wie fühlt es sich an, selbst ganz zu sein? Und wie fühlt sich eine Gruppe an, die ganz ist? Da fehlt jede Erfahrung dazu, das habe ich noch nicht spüren, fühlen, erfassen dürfen.

Leere (Worte) von Barbara

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