Struktur bezeichnet die Gesamtheit innerer, relationaler und äußerer Bedingungen, unter denen ein Mensch eine bestimmte Intensität halten und verarbeiten kann. Vier Vorgänge, die im Alltag als einer erscheinen: Orientieren, organisieren, regulieren, halten, integrieren und dabei ansprechbar bleiben.
Struktur besteht deshalb aus sehr unterschiedlichen Dingen.
Innere Anteile mit der Fähigkeit Erregung zu modulieren. Affekte auszuhalten, ohne sie sofort loswerden zu müssen. Sich selbst wahrzunehmen, während etwas passiert. Widersprüchliches gleichzeitig zu halten. Nach einer Aktivierung zurückzufinden.
Relationale Anteile also Menschen, die erreichbar sind. Erfahrungen, in denen jemand mitgehalten hat. Ein Nervensystem, das gelernt hat, dass ein anderes Nervensystem beim Regulieren hilft.
Äußere Anteile wie Schlaf, Geld, eine Wohnung, Zeit uvm UND das aller wichtigste ein Zentrum, eine Mitte aus der Selbstführung beständig möglich ist.
Das klingt nach einer Mischung, die nicht zusammengehört. Doch für das System, das antworten muss, gehört sie zusammen. Ob ein Mensch einen Konflikt aushalten kann, hängt nicht nur an seiner Affekttoleranz, sondern auch daran, ob er im Streitfall sich im potentiellen Verletzt- und Verlassenwerden allein tragen könnte sowie im Angriffsfall verteidigen und Hilfe holen kann.
Struktur ist außerdem nichts Konstantes. Derselbe Mensch hat nach drei Nächten mit erholsamen Schlaf mehr davon als nach einer ganz ohne Zurruhekommen. Nach einem guten Gespräch mehr als nach einem Anruf, der etwas aufgerissen hat. Und Struktur zeigt sich nicht daran, dass ein Mensch unerschütterlich wirkt. Sie zeigt sich daran, wie viele Antworten ihm unter Belastung und oder Getriggert noch tatsächlich zur Verfügung stehen. Wie breit dieser Antwortspielraum ist, entscheidet darüber, ob eine Situation Bewegung zulässt oder ob nur noch eine einzige Reaktion übrig bleibt.
Weniger Struktur bedeutet nicht, dass jemand nicht antwortet. Es bedeutet, dass die Antwort enger wird also dichter am Notwendigen, dichter am Schutz. Eine objektiv vorhandene Möglichkeit ist damit noch keine subjektiv verfügbare Wahl. Der Unterschied entscheidet sich nicht am Wissen, sondern am Zugriff im Moment.
Eine Strukturgrenze wird von innen fast nie als Strukturgrenze erlebt. Sie erscheint als persönlicher Mangel. Als Charakterschwäche. Als Unentschlossenheit. Als Widerstand. Als mangelnde Reife. Damit entsteht eine zweite Schicht Leid. Menschen leiden nicht nur an dem, was gerade nicht geht. Sie leiden zusätzlich daran, dass sie es moralisch gegen sich selbst auslegen. Und diese Auslegung geht meist weiter, als sie zugibt. Aus „Ich kann das nicht“ wird „Mit mir stimmt etwas nicht“. Und daraus wird sehr schnell etwas, das kaum jemand ausspricht: Dann bin ich wohl auch nicht liebenswert. Nicht-Können und Nicht-liebenswert-Sein sind zwei völlig verschiedene Aussagen. Im Erleben fallen sie regelmäßig zusammen. Aus einer Grenze wird dabei Scham, die sich gegen die eigene Person richtet.
Eine Sprache für Struktur verändert an dieser Stelle etwas Konkretes. Aus „Mit mir stimmt etwas nicht“ kann werden: „Hier liegt gegenwärtig die Grenze dessen, was mein System tragen kann.“
Das ist kein Freispruch von Entwicklung. Es ist ein anderer Ausgangspunkt für Entwicklung. Von einer Charakterschwäche aus lässt sich nichts aufbauen. Von einem Standpunkt aus schon. Das Wort „noch“ trägt hier mehr Gewicht, als es aussieht. Eine Grenze ernst zu nehmen heißt nicht, sie zu verewigen. Es heißt, von der tatsächlichen Ausgangslage auszugehen statt von einer gewünschten. Regulationsfähigkeit und Selbstwahrnehmung können sich entwickeln. Die Toleranz gegenüber Scham wachsen. Die Fähigkeit, Hilfe anzunehmen ebenso. Und damit der Zugang zu Ressourcen entstehen oder sich erweitern. Das Vertrauen darauf, nach einer Aktivierung zurückzukommen entwickelt sich.

Woher Struktur kommt…
Innere Struktur entsteht nicht durch Einsicht. Sie entsteht durch Erfahrungen mit anderen Menschen.
Ein Nervensystem lernt zu regulieren, indem es reguliert wird. Scham wird tragbar, weil jemand liebevoll geblieben ist, während sie da war, ohne ein Urteil über das zu fällen, was er gesehen hat. Die Fähigkeit, allein zu sein, entsteht aus genügend Erfahrungen des Nicht-Alleingelassenwerdens. Wut wird verfügbar, wenn sie einmal geäußert werden konnte, ohne dass die Beziehung abgerissen ist. Vertrauen wächst, wo jemand verlässlich war, lange bevor darüber gesprochen wurde. Was in all diesen Sätzen steckt, ist dasselbe. Es ist jemand da, der einen Menschen so ansieht, wie er gerade ist. Nicht so, wie er sein sollte.
Genau darin liegt die unangenehme Pointe der Sätze vom Anfang. Ein Appell an die Wahl enthält immer eine Bewertung. Er sagt mit, dass der gegenwärtige Zustand nicht in Ordnung ist. Dass jemand es hätte anders machen können. Dass er es jetzt anders machen muss. Und Bewertung ist genau niemals der Stoff, aus dem Struktur wächst. Wer Struktur einfordert, statt sie mit herzustellen, entzieht im selben Moment das, woraus sie entstünde. Der Appell arbeitet gegen die Bedingung seiner eigenen Erfüllbarkeit.
Mein Beispiel: Ein junges Eichenbäumchen steht in einem Keller.
Nicht im Dunkeln. Durch ein kleines Fenster fällt trübes Licht. Genug, um nicht einzugehen. Zu wenig für alles andere. Der Stamm bleibt dünn, die Blätter blass, und der ganze Baum wächst schief in die eine Richtung, aus der etwas Licht kommt. Diese Schieflage ist kein Fehler. Sie ist die genaueste Antwort, die auf dieses Fenster möglich war.
Jemand kommt die Treppe herunter und erklärt ihm, dass alles bereits in ihm angelegt ist. Die mächtige Krone. Der Stamm, den drei Menschen nicht umfassen. Zweihundert Jahre. Vollständig vorhanden, von Anfang an. Es sei letztlich seine Entscheidung. Dann geht er wieder hinauf und schließt die Kellertür. Das Fenster bleibt, wie es war.
An dem, was er über das Potenzial gesagt hat, war nichts falsch. Jede Eichel trägt die ganze Eiche. Das ist der Normalfall in der Biologie und keine Besonderheit: Das Potenzial ist vollständig vorhanden, von Anfang an, in jedem einzelnen Samen. Was davon Gestalt annimmt, entscheidet sich an Licht, Wasser, Boden, Platz und Zeit. An Ressourcen und Bedingungen. Die Frage nach dem Potenzial ist damit selten die interessante. Sie ist längst beantwortet.
Und selbst wenn dieser Baum eines Tages herauskommt und im Wald steht, wo alles vorhanden ist, was er braucht: Er ist damit noch keine mächtige Eiche. Er ist ein dünner, schiefer Baum an einem guten Ort. Was jetzt beginnt, dauert Jahre. Die Bedingungen ändern sich an einem Nachmittag. Die Struktur nicht.
Menschen sind häufig genau deshalb im Überlebensmodus, weil davon zu wenig da war. Nicht zu wenig Information. Nicht zu wenig Einsicht. Zu wenig von der Erfahrung, mitten in Not liebenswert zu sein. Und das ist kein Nachtrag, den man später hinzufügt, wenn die Arbeit getan ist. Es ist die Arbeit. Ein Mensch, der in seinem Überlebenskampf gesehen wird statt korrigiert, bekommt in diesem Moment etwas, das seine Struktur tatsächlich erweitert.
Wenn ich zurückschaue auf das, was in meinem Leben etwas verändert hat, war es nie eine Methode. Es waren Momente, in denen ich etwas gezeigt habe, während ich vollständig davon überzeugt war, dafür verurteilt oder verlassen zu werden. Und es kam anders. Diese Erfahrung lässt sich nicht wollen und nicht üben. Sie muss gemacht werden. Und sie verändert nichts an der Krise, in der jemand steckt. Sie verändert die Überzeugung, in dieser Krise zu stecken, weil mit einem selbst etwas nicht stimmt. Von dort aus kann Struktur wachsen.
Ein Leben lässt sich darauf ausrichten, dass Struktur wächst. Ob sie in einem bestimmten Moment greift, entscheidet sich in diesem Moment. Vorher weiß das niemand, auch der Mensch selbst nicht. Sie trägt, oder sie trägt nicht. Und wenn sie nicht trägt, brauchen wir jemanden, der hält. Gehaltenwerden heißt, dass ein anderer Mensch für eine Weile seine Struktur zur Verfügung stellt, und dass in ihr die Erfahrung da sein darf, dass die eigene gerade nicht reicht.
Dafür braucht es keine Ratschläge. Keine Bewertung. Keine Deutungshoheit darüber, was da gerade geschieht. Und diese Struktur entsteht nicht dadurch, dass jemand sich zusammenreißt. Sie entsteht unter Bedingungen und die wichtigsten davon sind relational.
Wer einen Menschen zur Wahl auffordert, ohne nach diesen Bedingungen zu fragen, verlangt eine Bewegung im tiefen Wasser. Wer ihn ansieht, wie er gerade ist, stellt eine davon her.

UND weil mir wahrhaftige Beziehungen so wichtig sind, habe ich mich damit befasst wie die Bewusstseinsstufen nach David R. Hawkins inspirierend umgelegt auf Verbindungen für mich wahrnehmbar sind. Isolation auf ein einzelnes „Bewusstsein“ erschient mir unpassend und eng gefasst. Im persönlichen Erleben hat Authentizität die höchste Schwingung, also ehrlich ausgedrückter Hass schwingt höher als geheuchelte Liebe oder scheinharmonische Freundlichkeit. Wenn eine Beziehung von Wert ist und mir wichtig, lege ich alles rein was ich bin und empfange gerne alles was mir begegnet.
Der Entwurf von Stufen der Wahrhaftigkeit in Beziehung verweben innere und äußere Bewusstheit in der folgenden Graphik und werden im Anschluss durch ein paar Erläuterungen wie die Begriffe gemeint sind ergänzt.

Am höchsten schwingt Wahrhaftigkeit in Verbundenheit zu leben.
Wahrhaftigkeit: Ich bin präsent im Wir und Jetzt und begegne dem, was gerade ist und allem was sich in diesem jetzt auch von früher zeigt. Ich spreche meine Wahrheit und zeige mich, ohne mich zu verstecken oder etwas festhalten zu müssen. Ich fühle mich verbunden mit mir und mit allem, was ist.
Liebe: Ich kann lieben, ohne jemanden besitzen, verändern oder für mein Glück verantwortlich machen zu wollen. Meine Liebe hängt nicht davon ab, ob meine Erwartungen erfüllt werden. Gleichzeitig bleibe ich mir selbst treu und setze mich für die Erfüllung meiner Bedürfnisse ein. Liebe bedeutet nicht, dass ich alles akzeptiere, sondern mich klar positioniere und trotz Liebe gehe, wenn ich langfristig unerfüllt bin.
Verbundenheit: Ich bin dankbar für die Menschen in meinem Leben. Ich fühle mich verbunden und es macht mir große Freude, diese Verbundenheiten zu teilen. Ich pflege die Verbindungen und speise meine Energie rein. Wobei dies niemals ein allein tragen und nähren des Wir sein kann, weil ich sonst ja allein bin in einer Verbindung. Die Selbstverbundenheit geht vor der Verbindung zu anderen. Wenn mein Wohl missachtet wird ist es meine Verantwortung die Verbindungen zu verändern oder zu verlassen.
Frieden: Ich erkenne meinen Unfrieden an und komme dadurch in den Frieden in mir. Aus dem in mir im Frieden sein wirke ich ins Wir. Ich bin in der Lage meinen inneren Frieden zu schützen und zu wahren, auch wenn dies Konflikte mit Menschen und Systemen mit sich bringt.
Augenhöhe ist etwas das von beiden (allen) beteiligten gewollt und gewählt werden muss, damit sie möglich ist.
Verstehen: Ich will verstehen statt bewerten, höre zu und zeige ernsthaftes Interesse. Ich kann Schmerz sehen und muss ihn nicht lösen. Ich kann hinsehen und bleiben auch wenn es unangenehm ist (fürs Ego).
Verantwortlichkeit: Ich übernehme die volle Verantwortung für meine Gefühle, meine Handlungen und meine Entscheidungen und setze gesunde Grenzen, auch wenn es unbequem wird und oder ich Menschen dadurch verliere. Genauso bin ich verantwortlich dafür meine Schutzmuster und Strategien offen zu legen, und damit in Kontakt zu bleiben.
Wachstum: Ich bin mir bewusst, dass Beziehung Wachstum bedeutet. Ich will etwas zu der Beziehung beitragen, weil ich es will und nicht, damit ich etwas zurückbekomme. Die Entwicklung und Vertiefung der Beziehungen ist mir eine Herzensangelegenheit, auch wenn es Energie und Zeit als Investment braucht.
Eigenständigkeit: Ich kann mich annehmen, wie ich bin, und anderen mit Respekt begegnen, so wie sie sind. Ich erkenne an, dass andere anders sind als ich. Ich bin auch alleine vollständig und verliere meine Eigenständigkeit nicht in der Beziehung. Meine Freiheit macht es möglich unabhängig und abhängig zu sein. Ich kann wählen ob und wohin ich meine Bedürfnisse trage.
Die Schwelle ist der Mut.
Mut meint, dass ich ehrlich mit mir selbst bin. Ich lasse meine Maske fallen und zeige mich verletzlich, so wie ich wirklich bin. Auch auf die Gefahr hin, abgelehnt, ausgeschlossen oder verlassen zu werden. Ich stehe zu mir.
Bindung aus Mangel schwingen niedriger und haben dennoch ihre Berechtigung.
Macht: Recht haben und Macht ausüben ist mir wichtiger als die Verbindung. Ich fühle mich überlegen, werte ab oder glaube zu wissen, was für andere gut ist.
Erwartung: Ich erwarte, dass meine Bedürfnisse erfüllt werden und sich in der Beziehung etwas verändert, damit es für mich gut ist. Ich mache Vorwürfe für das, was ich nicht bekomme, und baue Druck auf. Hoffnung und Sehnsucht: Ich hoffe auf Veränderung und halte an einer Illusion fest wie es sein sollte oder vielleicht einmal war. Ich möchte die Realität nicht anerkennen. Innerlich kämpfe ich noch. Nur in dieser Verbindung fühle ich mich vollkommen und angekommen. Sie füllt meine Leere. Ich lasse die Sehnsucht nicht los und sie wird zur Sucht für mich.
Sicherheit und Gewohnheit: Ich suche meine Sicherheit im Außen und brauche Nähe, Commitment oder eine Zusage, damit ich mich in mir selbst sicher fühlen kann. Ich habe Angst davor, allein zu sein. Ich habe mich damit abgefunden, dass die Beziehung eben so ist. Ich erwarte nicht mehr, dass sich wirklich etwas verändert, und habe aufgehört, für mich oder für die Beziehung einzustehen. Ich bleibe, obwohl ich innerlich längst aufgegeben habe. Mein Fokus liegt woanders.
Dramadreieck (Opfer, Täter, Retter): Ich fühle mich als Opfer der Beziehung und gebe die Schuld dafür ab, wenn es mir nicht gut geht. Ich reagiere mit alles auf Wut (weil es das einzig „starke“ Gefühl ist und mit überhebt) oder Trauer (weil ich implodiere und mich nur unterwerfen kann). Ich gebe die Verantwortung für mein Leben ab. Gleichzeitig fühle ich mich für das Wohlbefinden anderer verantwortlich und schuldig, wenn es ihnen nicht gut geht.
Maske: Ich glaube, nicht richtig zu sein, wie ich bin, und trage daher eine Maske. Ich verstecke Teile von mir, richte mich danach, was andere über mich denken könnten, und orientiere mich daran, wie ich sein müsste, um angenommen zu werden. Ich lebe in einer Rolle, spiele anderen was vor (und auch mir selber), um dazuzugehören und in die Masse zu passen (brav, fleißig, regelgerecht, unlebendig, selbstunterdrückt bis -verleugnend schaffend und schienend für ein Bild oder Konzept). Und selbst über die Maske in Kontakt zu sein, lässt noch ein klein wenig Energie fließen und ist somit bereichernder als in völliger Isolation zu leben.
Soweit bis jetzt und natürlich in Entwicklung. Lass mich gerne wissen wie du es mit dem Bewusstsein in Verbindungen erlebst. Ich bin neugierig auf alle Erfahrungen. Wie verändert sich dein Leben, wenn du jede Beziehung als einen Raum des Bewusstseins verstehst und erlebst?
Menschliche Liebe ist nur möglich, wenn ein Herz ein zweites trifft, das bleibt. Zwei oder mehr Herzen die für einander schlagen, plus den Mut einander wirklich zu begegnen sind das Portal ins Paradies auf Erden.
Wir können nicht wissen, was sein wird in Form.
Wir können allerdings einladen, was in uns wirkt ganz zu leben.
Es gibt kein Verstecken mehr in dieser Zeit.
Frequenz führt. Seele weiß. Leib folgt.
Dazwischen atmen und bleiben.