Nach zehn Jahren unterwegs sein in Sachen Traumaheilung als Betroffene, Begleiterin in Therapie, Coaching, Selbsterfahrung sowie therapeutischen und spirituellen Gruppen, kann ich den Kern der Traumatisierung in Bindungen und die daraus resultierenden Heilungsweg klar essenzieren. Alles verdichtet sich auf die beiden Wunden der Verlassenheit und Vereinnahmung. Beide heilen durch innere Elternschaft, Selbstverantwortung und Öffnung für neue Erfahrungen (da wo Abhängigkeit und Unabhängigkeit nicht gesund entwickelt werden konnte).
Wir sind in einem Zustand kompletter Abhängigkeit in diese Welt hineingeboren worden. Mit der Zeit bewegt sich der Organismus Schritt für Schritt, hin zu einem Zustand immer größer werdender Unabhängigkeit. Der Radius, die Möglichkeiten und das Beziehungsnetz zu den Menschen, Tieren und der
Welt vergrößert sich. Und damit die Möglichkeiten, die Abhängigkeit selbstständig zu richten. Mich also selbst darum zu kümmern, einen Ort zu finden, an dem ich mich neu erlebe, und Menschen zu begegnen, mit denen es möglich ist, in einer wohltuenden Weise in einen Austausch von Bedürfnissen zu treten.
Das ist das lebendige Dasein zwischen Abhängigkeit und Unabhängigkeit, das Spiel zwischen Freiheit/Weite und Verbindung/Nähe, so wie alle lebendigen Rhythmen einatmen und ausatmen und in einem Wechsel von Verdichtung und Ausdehnung pulsieren. Beides – abhängig und unabhängig sein zu können – sind Fähigkeiten und in jedem Einzelnen zu realisieren und auszubalancieren, damit ausgeglichene Beziehungen möglich sind.
In der Abhängigkeit bin ich aufgerufen mich im Inneren mit meinen unabhängigen Teil, der für meine Bedürfnisse sorgen kann zu verbinden. Im unabhängig agieren ist es wichtig bewusst zu haben, dass ich auch abhängig von Menschen bin. Abhängigkeit braucht (Selbst-)Fürsorge und Unabhängigkeit braucht Verantwortung. Rutsche ich zu weit in meine Autonomie, kann ich mich spüren lassen wie gut es tut, dass es auch andere Menschen gibt. Und wenn ich mich abhängig fühle, weil der Teil in mir aktiviert ist, besinne ich mich auf meinem unabhängigen Teil, der sich gut um mich kümmern kann und es hinbekommt fürsorglich mit mir selbst da zu sein.
Verachtet man die Abhängigkeit als Schwäche, so fehlt die Fähigkeit, sich immer wieder tief zu verbinden, zu empfangen und sich zugehörig, aufgehoben und geborgen zu fühlen. Scheut man die Unabhängigkeit, weil man nicht gelernt hat, einen ungefüllten Raum mutig mit dem eigenen Sein neu zu füllen, so ist man in der Verdichtung gefangen. Die Teilnahme an dem Spiel der vielseitigen Vernetzungen und dem großen Feld der unbegrenzten Möglichkeiten hat keinen Raum zum Atmen, es fehlt die Weite für lebendigen Austausch.

Der abhängige Teil braucht Nähe, der unabhängige Teil braucht Freiheit. Ein gesunder Erwachsener braucht beide Teile im Spiel mit dem Raum, mit Nähe und Distanz. Fehlt der nährende, schützende Halt von außen, der Geborgenheit, Sicherheit und Nahrung auf allen Ebenen gibt, so entsteht eine Not, in der ein tiefes Grundgefühl der Verlassenheit ausgelöst wird. Die Verlassenheitswunde ist ein Schmerz, der also durch ein „Zuviel“ an Raum zugefügt wird.
Fehlt der Freiraum zur Entfaltung, oder wird mit vereinnahmenden Forderungen, Zwang oder sogar Gewalt in den intimen Seinsraum eingedrungen, so entsteht eine Not, in der ein tiefes Grundgefühl der Vereinnahmung ausgelöst wird. Die Vereinnahmungswunde ist also ein Schmerz, der durch ein „Zuwenig“ an Raum zugefügt wird. Beide Wunden, die fast jeder Mensch in verschiedener Intensität und Ausprägung in sich trägt, wurzeln vor allem in unserer Kindheit.
Der emotionale Schmerz beider Wunden hat eine hohe Intensität und ist meist verkoppelt mit traumatischer Aggression (Kampf), Panik (Flucht) oder Dissoziation (Totstellreflex). Kleinste Auslöser können diese alten Schmerzen dann hervorrufen und katapultieren in die Tiefen der Katakomben der Überlebensmechanismen. Entweder schreit es in deinem Inneren: „Lass mich nicht allein, bitte, bitte um alles in der Welt, lass mich nicht allein, verlasse mich nicht!!!!“ Oder es schreit (wenn du genau hinhörst): „Lass mich los, lass mich sofort los, lass mich in Ruhe, hör auf damit, hör sofort auf damit, lass mich los!!!“

Der abhängiger Teil, kümmert sich um Verbunden-Sein, Zugehörig-Sein und Hier-auf-der-Welt-geborgen-Sein. Hat dieser Teil eine schwere Vernachlässigung erfahren, bei der es real oder gefühlt ums Überleben ging, dann ist eine Verlassenheitswunde im Nervensystem eingegraben. Wird sie auch nur durch Kleinigkeiten aktiviert, löst es einen schnellen Reiz-Reaktionsmechanismus traumatischer Erfahrungen aus, und von einer Sekunde auf die andere ist man gefühlt wieder im Überlebensmodus. Die Eingeweide (Bauchgehirn) geben die Information, verlassen zu werden, bedeutet zu sterben. Bei mir war das „zu wenig“ so zu wenig, dass es existenziell war und sich dadurch eine traumatische Not des Verlassenseins im Nervensystem festgeschrieben hat.
Der unabhängiger Teil kümmert sich ums Frei-Sein, Weit-Sein und Selbstständig-Sein. Hat dieser Teil einen schweren Missbrauch erfahren, bei dem es real oder gefühlt ums Überleben ging, dann ist eine Vereinnahmungswunde im Nervensystem eingegraben. Wird sie auch nur durch Kleinigkeiten aktiviert, löst es einen schnellen Reiz-Reaktionsmechanismus traumatischer Erfahrungen aus, und von einer Sekunde auf die andere ist man gefühlt wieder im Überlebensmodus. Deine Eingeweide (Bauchgehirn) geben dir die Information, vereinnahmt zu werden, bedeutet zu sterben.

Beide Teile, sowohl der abhängige als auch der unabhängige, kümmern sich in ihrer eigenen Weise um die Bedürfnisse. Der abhängiger Teil durch die Kapazität der Hinwendung, Annahme und Aufnahme, und der unabhängiger Teil durch die Kapazität der Neuausrichtung, Erweiterung und Variabilität.
Trägst du wie ich den Schmerz der Verlassenheitswunde in dir, weil deine existenziellen Bedürfnisse schwer vernachlässigt wurden, versuchst du diesen Schmerz zu vermeiden, indem du dich komplett auf die unabhängige Seite schlägst, bereit, jederzeit selbstständig zu stehen und dich bloß nie zu lange irgendwo anzulehnen – denn das ist zu gefährlich! Abhängigkeit wird so gut es nur geht vermieden, um dem Risiko zu entgehen, dass der schlummernde Schmerz wieder an die Oberfläche kommt. Doch das Innere sehnt sich immer noch nach der Geborgenheit und Nähe, die nur der abhängige Teil aufnehmen und empfangen kann. Das tragische Dilemma ist also, dass um den Schmerz der Verlassenheitswunde zu vermeiden, der gleiche Schmerz in abgeschwächter Form gewählt wird, dafür aber dauerhaft. Die Vermeidungsstrategie kreiert eine
dauerhafte Verlassenheit. Bei mir ist es ein Grundgefühl von Vereinsamung und Verlassenheit, das wie ein ständiger leiser Begleiter in mir wahrnehmbar ist (nur ein Mensch konnte – soweit präsent und emotional erreichbar – den vollständig zum Verschwinden bringen).
Andersherum geschieht es, wenn die eigenen Bedürfnisse existenziell missbraucht wurden, um Macht über dich auszuüben. Dann versuchst du diesen alten Schmerz von Vereinnahmung zu vermeiden, indem du dich komplett auf die abhängige Seite schlägst, darauf bedacht, dich ständig in einem Geflecht von Abhängigkeiten angebunden zu wissen, um nicht zu viel Raum zu haben, der plötzlich vereinnahmt werden könnte, denn das ist zu gefährlich! Hier wird die Unabhängigkeit so gut es nur geht vermieden, um dem Risiko zu entgehen, dass der schlummernde Schmerz wieder an die Oberfläche kommt. Doch das Innere sehnt sich immer noch nach der Freiheit, Weite und Selbstständigkeit, die nur der unabhängige Teil ergreifen
kann. Das tragische Dilemma ist also, dass um den Schmerz der Vereinnahmungswunde zu vermeiden, der gleichen abgeschwächten Schmerz gewählt wird, dafür aber dauerhaft. Die Vermeidungsstrategie kreiert eine dauerhafte Vereinnahmung.
Das ist natürlich nur so einfach und eindeutig der Fall, wenn vor allem eine der beiden Wunden klar und deutlich ausgelöst wurde. In der Realität ist bei den meisten Menschen oft eine Mischung aus beiden Wunden vorhanden. Bei mir waren die schmerzhaftestesten Erlebnisse jene als diese Wunde in Reinform voll ausgelöst im „in der Kontaktlosigkeit leben“ ergab. Ich hätte so sehr zumindest eine Aussicht auf einander wieder begegnen gebraucht. Alles in mir schrie „ich kann mich nur mit dir sicher fühlen“ während mein Gegenüber deutlich machte „geh weg, ich kann mich nur ohne dich sicher fühlen“. Die Strategien waren in Konflikt, das Bedürfnis nach Sicherheit ist das gleiche. Da war sie wieder die alte Ohnmacht reinszeniert, keine Möglichkeit auf ein elementares Erleben von Bindungssicherheit. Die gegenwärtige Ohnmacht, dass ich das Nervensystem des Anderen nicht regulieren kann, so dass die scheinbar unbedingt nötige Verbundenheit (in mir!) da bleibt.
Darin ist klar das Recht auf Distanz vor meinem Nähebedürfnis wirksam, weil Nähe immer ein Geschenk ist und Distanz in unserer Kultur das Vorrecht hat. Jene Person, die sich mehr im unabhängigen Teil befindet, hat mehr Macht, weil sie ihr Bedürfnisfeld selbstverständlich ausleben und die Beziehung jederzeit verlassen kann. Während jene die im abhängigeren Teil leben, sich um die Verbindung kümmern muss, um die eigenen Bedürfnisse möglicherweise erfüllen zu können.
Die emotionalen Nöte des unabhängigen Teiles viel leichter mit Ablenkungen zu unterdrücken, als jene des abhängigen Teiles. Mein Leben ließ mich nie gesund abhängig sein und mit dem einen Menschen, wo ich mich in dieses Feld wieder rein getraut habe, hat es mich am sensibelsten Punkt erwischt, um genau darin bewusst zu werden und dort mit meiner Anwesenheit präsent zu sein. Meine Urwunde „abhängig und nicht gewollt sein“ aus der Schwangerschaft und frühen Kindheit in Aktivierung ist das schmerzhafteste was mein Leben mir wieder zugemutet hat. Da war jede Menge Unruhe im Kopf, Herzrasen in den Nächten, Trauer in Wellen durch die Tage und vor allem Hilflosigkeit zu fühlen. Bis heute spüre ich diesen bedrohlich blähend drückenden Angstbauch um den Nabel, wenn ich Verbindung brauche und nicht gewollt bin. Im Nervensystem pure Not, überallhin breitet sich die Alarmbereitschaft „nicht ausreichend geliebt zu sein“ aus. Alle Körperteile agieren eigenständig chaotisch, ein Spaltungsgeschehen, alles zerreißt in Teile und ich sehe es. Nur in meinem Herzen bin ich dann noch sicher. Hier ist in diesen Momenten meine Zuflucht und Erlösung.
In meinem Herzraum bin ich der wertfreie und neutrale Beobachter. In meinem Herzraum bin ich gehalten und geborgen. Meist genügt es die Aufmerksamkeit im Herzen zu sammeln. Ich erlaube das Gefühl zu fühlen „nicht gewollt zu sein“ und mich darin zu spüren. Meine Lebenskraft war nicht gewollt (meine Sexualität, meine Stimme, mein Ausdruck, mein Wille, mein Wollen). In dem Beobachten aus der Sicherheit in meinem Herzen kehrt wieder Harmonie ein. Alles was damals verloren gegangen ist, darf in mein Herz kommen und Sammlung geschieht. Ich spüre die Lebendigkeit im Herzen und das was durch mein Herz und mit Herz von mir zum Ausdruck gebracht werden möchte. Da ist wieder Raum zum atmen und die Klarheit kommt zurück. Es ist okay, auch wenn es sich für mich mulmig anfühlt, komplett unsicher in der Verbindung zu sein. Hier verliere ich die Augenhöhe und meine Würde. Verliere mich in der Not ohne Ahnung „kommst du wieder, gibt es uns noch, bin ich überhaupt noch relevant für dich“.
Wem ist die Beziehung weniger Wert ist grausam und eine pseudounabhängige Entwertung der Abhängigkeit. Die Abhängigkeit lösen, loslassen, mich zu mir nehmen und mich nach Hause ins Herz fühlen. Nervensystem regulieren und nicht mehr mitspielen, damit die Notwendigkeit verschwindet, den anderen als „Sicherheitsspender“ zu brauchen war und ist der Weg. Mittlerweile kann ich Distanz ganz gut halten. Dennoch ist es auf unabsehbar lange Zeit schwierig (aus)zuhalten „abgeschnitten“ zu leben und zu erleben, dass alle meine Reparaturversuche ins Leere laufen.
Wichtig ist diese Wunden zu realisieren, zu verifizieren, ihnen zu begegnen und sie anzunehmen. Langsam und mutig aufhören sich mit Vermeidungsstrategien von ihnen fern zu halten und sowohl Schmerz als auch Bedürfnisse zu mir nehmen. Denn nur, wenn fühlende Begegnung geschieht ist Heilung im Inneren möglich. Und auch eine neue Erfahrung im Außen realisierbar (sich selbst darin zu halten und/oder Schritt für Schritt mitzuteilen und womöglich gehört zu werden).
In meinem Fall bedeutet das seit Jahren die „Bedürftige“ zu halten statt sie vor mir selbst zu verstecken, mich selbst zu versorgen und im sichtbar werden mit Bedürfnissen zu ermutigen. Mein Halt für beide Teile ist da, aber noch nicht ausgewogen. Wenn der abhängige Teil ans Steuer möchte, greift die innere Kontrolle und unterwirft ihn dem unabhängigen Anspruch „alleine klar zu kommen“, um nicht wieder so verletzt, beschämt, verlassen in Not zu geraten. Dann dominiert das System die Bedürfnisse des abhängigen Teiles aus Angst davor mich auszuliefern. Das ganze zieht sich dann eine Weile bis sich das „nein“ zu diesem Teil von mir im Körper mit Schmerzen Gehör verschafft und freigibt wozu mein „ja“ fehlt.
Der Abhängige tendiert dazu die Unabhängigkeit zu verstecken und der Unabhängige versteckt meist die Abhängigkeit (vor sich selbst). Beide sind primär Fähigkeiten und Körperressourcen, also in der Körperweisheit wieder findbar und zulassbar. Die Wunden machen zu und meinen „so war das und damit muss ich klar kommen“. Wir erwarten was wir erlebt haben, weil wir uns darin sicher fühlen! In der Wunde erwarten wir Begrenzung bzw. Nichterfüllung, weil früher Überbegrenzung bzw. sich verlieren ohne Bezug erlebt wurde.
Es ist eine neue Kultur mit Bedürfnissen offen da zu sein und diese nicht als Machtmittel zu begreifen. Mit der unabhängigen Seite kümmere ich mich um die Abhängigkeit und im Wissen um die Zugehörigkeit gehe ich in die Unabhängigkeit. Dadurch entsteht eine Relation des Moments und die möglicherweise empfundene Not wird haltbar. In dem ich Elternschaft (bei der Verlassenheitswunde braucht es mehr die innere Mutter und bei der Vereinnahmungswunde mehr den inneren Vater) für meinen Schmerz und den Mangel übernehme heile ich.
Es braucht die Beziehung damit im Inneren, damit es im außen in Beziehung gebracht werden kann. Sonst projizieren wir und schreiben dem Außen eine Rolle (Vereinnahmende, Verlassender) zu oder stellen Absolutheitsansprüche was (nie mehr) passieren soll(te), die meist auf „verlassen bzw. vereinnahme mich nicht“ abzielen. Im Trigger bleibt das System vor dem Schmerz stehen und stellt Ansprüche a la „sei anders, damit ich entspannen kann“. Schattenbedürfnisse versuchen das Triggern zu vermeiden, damit wir uns nicht konfrontieren müssen mit dem was wirklich los ist. Emotionen, Ansprüche und Vermeidungsbedürfnisse sind meist die Ladungen in einem Konflikt, also das worum es wirklich geht.
Wenden wir uns dem Schmerz zu und entwickeln Kapazität uns selbst zu halten, nehmen wir das Geschehen zu uns. Sich dem eigenen Geschehen ausliefern und weiter zu fühlen ist der Weg hindurch. Das was ich brauche existiert (noch) nicht und ich bin in dem Aspekt hilflos. Es fängt in mir an, im Annehmen meiner Bedürfnisse und diese als richtig, wichtig und schön sehen zu können. Wenn ich mich so ehrlich erkenne, kann ich es bittend einbringen und mich um mein Schutzbedürfnis kümmern. Die eigenen Bedürfnisse zu versorgen meint nicht nur handeln, sondern vor allem fühlend mit den Gefühlskräften da sein und dem Raum geben was sich zeigt wie Betrauern, die Angst bewegen, Scham beatmen und auch mich der Freude hingeben, wenn für Momente Erfüllung geschieht.
Ich bin beispielsweise nie gehalten worden und hab mich emotional immer selbst gehalten. Wenn ich jetzt Halt erfahre kommt oft erst der Schmerz hoch und ich brauche ein Gegenüber, das wirklich da bleibt, damit ich mich halten lassen und dann auch genährt werden kann. Wenn das nicht möglich ist, brauche ich viel Kraft, um mich aus dem alten Strudel ins jetzt zu holen und weiter präsent zu sein. Die andere Seite, also die Vereinnahmungswunde braucht die Übernahme der Selbstverantwortung, um nicht ins „bleib doch weg“ zu kippen und den Mut auch formulieren zu können „ich wünsche mir, dass ich wieder zurückkommen darf“. Zentral ist die Bewusstheit der eigenen Wunde, die Beobachtung wann sie aktiv sind und das Einlassen auf neue Möglichkeiten. In meinem Fall ein „ich darf den Schmerz der Verlassenheitswunde haben (der ist legitim) und ich bin liebenswert damit“.
Das zu mir genommene Bedürfnis kann in die Begegnung gebracht werden, durch hinlegen und loslassen ob es erfüllt wird. Dann können auch konträre Bedürfnisse nebeneinander existieren. Es ist ein Angstfeld, weil man miteinander nicht weiß und im gemeinsamen Bedürfnisfeld mit allen eigenen und gegenüber Gefühlen da ist, oft ohne Lösung. Das ist die Spannung in einem Bedürfniskonflikt, wo wir einander in Ehren halten auch mit unerfüllten Bedürfnissen.
Verletzbarkeit kommuniziert sich, meiner Erfahrung nach, nicht oder nicht zuerst auf verbaler Ebene. Es ist ein energetisches Offensein. Ein „ich bin bereit dich und mich in allem auch im Schmerz wahrzunehmen und zu halten“, weil mir unsere Verbindung wichtig ist. Ich bin offen mich und dich in unserer Unvollkommenheit wahrzunehmen und wertzuschätzen. Den Kritik, mauern und Urteile haben immer was damit zu tun, dass ich meine Angst verdränge, oder du deine, und meist wir beide. Angst ist menschlich, Bedürfnisse haben auch. Ich bin bereit meine wirklichen Bedürfnisse zu teilen und deine zu hören. Ich bin bereit mit der Angst da zu sein und meinen Teil anzunehmen, egal wie unangenehm er sein mag, um uns beide zu beschützen. Es ist eine stille Sprache. Sie hat das Potential, alles zu öffnen.
Generell ist es ein hohes Gut, wem ich meine Beziehungskapazität schenke. Grundsätzlich gilt es die Basis zu prüfen und zu klären, ob Beziehung in welcher Form auch immer überhaupt ein gemeinsamer Wert ist. Dazu kommt, ob es eine Beziehungskonstanz gibt, also ein Erleben von die Verbindung halten auch in Konflikten und Entfernung, oder eben nicht. Wenn ich viel Energie, Zeit und Liebe rein gebe und kaum genährt werde im Wir, dann ist es meine Verantwortung das zu lassen. Das braucht Selbstehrlichkeit und eine weite Perspektive auf die Beziehungsnetze, Jede/r mit dem ich in Beziehung bin, ist selbst wiederum mit diversen Anderen in Beziehung und all diese sind mitzudenken und klar zu sehen „wer ich für den Anderen bin“ und welche Bedeutung ich im Beziehungsnetz habe. Ich bin verantwortlich dafür, dass ich mich dorthin bewege, wo ein befriedigender Bedürfnisaustausch möglich ist. Es ist meine Entscheidung welche Beziehung ich damit erfülle und wo ich mich wie einbringe. Bedürfnisse in Kontakt zu bringen zeigt wie wichtig mir ein Mensch ist.
Respekt, Achtung und Würde sind der Boden der Beziehung zu mir und im Wir. Akzeptanz ist nahe an Duldung (muss ja) und kann schnell erodieren und sich verlieren. Die eigene Würde wiederzubekommen und uns selbst wieder ganz sehen, fühlen und spüren zu können ist der Heilungsweg. Es braucht Zeit mit sich liebevoll, geduldig, mitfühlend und behutsam in innerer Elternschaft da sein zu können. Und immer wieder den Mut offen zu sein, um die neue Erfahrung zu machen, dass Bedürfnisse weder missbraucht noch vernachlässigt werden, sondern gehört, geachtet, als schön gesehen und mitunter sogar erfüllt werden.
Die schönste Form von Begegnung war für mich schon immer offen und ehrlich mit allem da sein zu können. Die Architektur der inneren Welt eines Menschen durchdringen, spüren, fühlen und wahrnehmen wie fühlt es sich an in mir in dir, wie wirkt die Vergangenheit im Denken und in der körperlichen Gegenwart. Es gibt eine Tiefe in Menschen, die sich niemals zeigt, wenn nicht jemand offen da ist und die Art von Fragen stellt, die Ehrlichkeit verlangen statt eine Rolle zu spielen. Je älter ich werde, desto mehr begreife ich: Wahre Intimität liegt im Offenbaren. In den Momenten, in denen ein Mensch mich in die Teile seiner Seele hineinblicken lässt, die nicht für die Welt geschniegelt und glatt gemacht wurden. Und in den Momenten, wo ich um Ausdruck dessen ringe, was ich bisher noch nicht anvertraubar war und erlebe da bleibt wer mit mir. Es berührt mich zutiefst, wenn da ein Gegenüber ist, dass wirklich das Innerste sehen, verstehen, spüren und fühlen möchte. Ich mochte und möchte immer die Version sehen, die wirklich echt ist in mir und im Wir.
Wenn alles in mir heil ist und das ständige reparieren, regulieren und die Intensität von Krisen nachlässt, dann ist da echter Friede. Das System lernt Sicherheit zu genießen, ohne dass „etwas passieren“ muss. Im Heilsein verbrauche ich keine Energie mehr für die „Instandhaltung“ der Schutzmauern. Jetzt beginnt die eigentliche schöpferische Feldarbeit. Ich beginne aktiv zu gestalten durch Freude, Spiel und Inspiration. Heil-Sein bedeutet im systemischen Sinne nicht „fertig“ oder statisch zu sein. Es bedeutet, dass du im Fluss bist. Ein heiler Mensch im Feld ist wie ein stiller Bergsee. Er wirkt allein durch sein Dasein.
Das Leben will uns verliebt in die Überraschung. Das Leben will uns verschlungen, mit jeder Faser durchtränkt von jeder Erfahrung. Erst der Vollkontakt mit dem, was ist, enthüllt die Weite. Erst unser Sturzflug in die Inkarnation ist unser Aufstieg in den Himmel.
Ich darf verbunden sein, so wie ich bin.
Ich darf dazugehören, auch wenn ich ruhig bin.
Ich darf lieben, auch wenn mein Lieben unerwidert ist.
Die Stille ist kein Verlust.
Die Ruhe ist mein Raum.
Die Weite ist das Leben.
Verbindung entsteht aus Präsenz.
Aus Echtheit.
Aus offenem Herzen.
Ich kann niemals wirklich gefangen sein,
denn die Weite des Kosmos ist mein Atem,
und die Freiheit Gottes ist mein Fundament.
Ich bin sanft klar lebendig liebend DA.
Die Liebe hat mich so weich gemacht,
so tief fühlend bis in den Kern des Seins.
Ich segne diesen Text mit meiner ganzen Liebe,
mit meinen Tränen, und mit all den Erkenntnissen,
die mich auf diesem Lebensweg gefunden haben.
Heilung ist die Wahl der Liebe.
Danke für meine große Liebeskraft den Segen der Herzensführung!